• Liebe Forumsgemeinde,


    dieser Thread liegt mir schon länger auf der Seele. Am Freitag ist es soweit: Unser Präsident, jahrzehntelanger Manager und Macher, Uli Hoeneß, zieht sich (zumindest offiziell) aus der allerersten Reihe unseres Vereines zurück.


    Die vergangenen 40 Jahre mit Uli Hoeneß hatten viele Facetten - ich würde fast sagen: Sie hatten alle Facetten, die überhaupt denkbar sind. Erfolge, Krisen, persönliche Fehden, Niederlagen, größte Triumphe, den Aufbruch in eine neue Zeit, einen ganz, ganz tiefen persönlichen Fall und ein Comeback, das vielfach höchst umstritten war und ist.


    Ich weiß nicht, wie ihr es seht, aber für mich geht am Freitag ein Stück FC Bayern. Egal, wie man es dreht und wendet. Eines bliebt für mich unantastbar: Ohne Hoeneß wäre der FC Bayern nicht das, was er heute ist: Ein international anerkannter Topclub mit einem nach wie vor herausragendem Renommee, Topspielern, einem herausragenden Stadion, das objektiv sicher zu den schönsten und modernsten der Welt gehört.


    Deshalb soll dieser Thread die Möglichekit sein, Danke zu sagen, zu kritisieren, persönliche Erlebnisse mit Uli zu teilen oder einfach zurückzublicken auf das eigene Fansein, das sich möglicherweise bei vielen ähnlich wie bei mir doch immer auch sehr stark mit dem Namen Hoeneß verbindet oder zumindest einmal verbunden hat.


    Ich fange direkt an!



    Als ich neun Jahre alt war, trat der FC Bayern in der Nähe zu einem Freundschaftsspiel an. Mitten in der Saison. Ich hatte gerade erst meinen allerersten Stadionbesuch erlebt (5:0 gegen Fortuna Düsseldorf in der Saison 1996 / 1997) und war hin und weg, dass der große FC Bayern bei uns auf dem Land spielte. Also legte ich schon Tage vorher Zettel und Eddings bereit, einfach für den Fall, dass ich irgendwie an Autogramme kommen könnte. Als der Bus mit den Spielern ankam, gingen meine Helden wie Sammy Kuffour, Oli Kahn oder Alex Zickler nur wenige Meter an mir vorbei - für mich jedoch kaum erkennbar, da das Gedränge an unserem Platz einfach viel zu groß war. Das bekam ein Ordner offenbar mit, als er zu meiner Familie sagte: "Kommen Sie mal her, hier können Sie besser sehen!" Wir trauten unseren Ohren nicht, aber er leitete uns tatsächlich am Bus vorbei in den für Fans eigentlich gesperrten Bereich unmittelbar am Spielereingang. Was wie eine schlechte Erfindung klingt, ist die Wahrheit: Ich wurde gerade noch von viel größeren Leuten daran gehindert, viel sehen zu können und stand nun plötzlich völlig ungehindert da. Ich werde nie die Empörung einiger Zaungäste vergessen. Warum die und wir nicht? Egal. Ich stand da, zum ersten Mal in meinem Leben Leuten ganz, ganz, ganz nah, die ich nur aus dem Fernsehen kannte. Was ich heute viel entspannter und mit einem Grinsen zur Kenntnis nehme, war damals für mich DAS Ereignis schlechthin. Während sich alle um den besten Platz drängten, stand ich auf einmal ungehindert vor Karl-Heinz Rummenigge. Er unterschrieb die Fahne eines Fans, sagte aber: "Leute, wir kommen da ganz schlecht dran." Ich aber stand direkt vor ihm, hielt ihm mit zitterneden Händen meinen Block und meinen Edding hin und war nicht einmal in der Lage, "Danke" zu sagen. Ich drehe mich wieder um und sehe Giovanni Trappatoni, der sich ebenfalls nicht lange bitten ließ und unterschrieb. Einige Meter weiter stand dann er: Uli Hoeneß.


    Seit ich Fan dieses Vereins bin, war und ist Hoeneß so etwas wie der "Übervater". Kann man gut finden oder nicht, aber ich konnte mich in den vergangenen 25 Jahren dieses Eindrucks fast nie erwehren. Was ich mit diesem Verein bisher erlebt habe, all die Höhen, das Triple 2013, die Tiefen, das Finale dahoam 2012 und das Champions League-Finale gegen Manchester United 1999, verknüpft sich unweigerlich mit dem Namen Uli Hoeneß. Als ich Kind und Jugendlicher war, war er für mich unantastbar. Streitbar, ja. Sicher auch manchmal über das Ziel hinaus, kontrovers, manchmal gnadenlos, rabiat, polternd. Aber eben doch derjenige, der den Erfolg des FC Bayern möglich gemacht hat. Und seien wir mal ehrlich: Am Ende hat er oft recht behalten. Er war in all den Jahren eben derjenige, der diesen Verein geprägt hat, der ihn gegen seine Kritiker verteidigt hat (und zwar gegen sehr gewichtige Kritiker) und der die Visionen hatte, die es erst ermöglicht haben, dass wir nicht nur im Jahr 2001 in Europa ganz oben standen, sondern auch 2013, unter völlig anderen Vorzeichen im Weltfußball, wieder die beste Mannchaft Europas waren.


    Ich sage damit nicht, dass das alles ganz alleine der Verdienst von Uli Hoeneß war. Viele Menschen, seien es Funktionäre wie Rummenigge, Hopfner oder Dreesen oder Spieler wie Kahn, Effenberg, Lizarazu, Elber haben mit angepackt, hatten Ideen, haben den FC Bayern gelebt, leben ihn teilweise bis heute und tragen unsere Farben in die Welt. Ihnen allen gebührt Dank. Aber: Der Macher schlechthin war und ist für mich Uli Hoeneß.


    Erst später wuchs meine kritische Distanz zu ihm, die bis heute anhält. "Ein Fußballverein ist keine One-Man-Show" hat er 2010 bei "Sky" über Louis van Gaal gesagt - um sich dann zu widersprechen, als er sagte, er hätte sich das gerade überlegt und mit niemandem im Verein abgesprochen. Was, wenn nicht das, ist eine One-Man-Show?


    Dann kam, mitten hinein in die erfolgreichste Phase der jüngeren Vereinsgeschichte, die Steuer-Affäre. Ich konnte es nicht glauben und fasse es bis heute nicht. Uli Hoeneß, der Mann, der für sich selber immer Moral in Anspruch nahm, muss ins Gefängnis. Nicht die Affäre Daum hat seine Reputation beschädigt. Er hat es selber getan, so nachhaltig, dass er es wohl nie mehr los wird. Das war krass. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Bis heute weiß ich nicht, ob ich es gut heißen sollte, dass er wieder Präsident des Vereins ist. All seinen Verdiensten, die unbetritten sind, steht eben auch die Steuerhinterziehung entgegen. Es gibt nicht den einen Uli Hoeneß, nicht mehr. Es gibt nicht mehr nur den streitbaren Patriachen eines Fußballvereins, sondern es gibt eben auch den vorbestraften Steuersünder. Die Familie FC Bayern hat ihn wieder aufgenommen. Aber: Musste das als Präsident sein? Musste das wirklich sein? Ich meine: Nein. Und wenn ich mir die vergangenen drei Jahre anschaue, sehe ich mich manches Mal doch darin bestätigt. Wo Hoeneß früher präzise agierte, Visionen hatte, Ideen entwickelte, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Zeit einfach schnelllebiger geworden ist. Vielleicht an einigen Stellen zu schnell für Hoeneß. Präsident des FC Bayern zu sein und alles Moderne nicht nur zu kritisieren oder zu hinterfragen, sondern seine Wirkung zu verkennen, passt für mich nicht zusammen. Ich kann ihm das nichtmal vorwerfen. Selbst mir sind einige Dinge beispielsweise im Internet einfach zu blöd. Ich möchte mich damit nicht befassen, nicht Teil davon sein. Aber: Ich kann ihre Wirkung und ihre Bedeutung deshalb nicht verkennen. Nicht als Präsident des FC Bayern München. Vielleicht versteht sich so auch die Entscheidung für Niko Kovac als Trainer. Vielleicht ist das einfach nur ein bisschen der Wunsch nach anderen Zeiten, in denen der Fußball eben noch nach anderen Regeln funktionierte. Das glückliche Händchen, das Hoeneß immer hatte und ohne das viele moderne Entwicklungen in diesem Verein nicht denkbar gewesen wären, hat ihn meiner Ansicht nach ziemlich verlassen. Ich kann einige Aussagen nicht mehr nachvollziehen oder teilen. Das ist schade. Aber es ist nicht unnormal und es soll keinesfalls überheblich klingen.


    Was Hoeneß immer war, weiterhin ist und wohl auch bleiben wird, ist der "erste Fan dieses Vereins", wie er es selber einmal ausdrückte. Ich nehme ihm ab, dass er für den FC Bayern immer nur das beste wollte, auch in den letzten drei Jahren, in denen er für mich manchmal echt daneben gelegen hat.


    Wenn ich einen Strich drunter ziehe, bleibt für mich tiefster Respekt vor seinem sportlichen Lebenswerk und Dankbarkeit, von diesem Lebenswerk als Fan dieses Vereins profitieren zu dürfen. Tolle Spieler, tolle Spiele sehen zu dürfen, Titel bejubeln und Niederlagen manchmal auch beweinen zu dürfen. Einfach ein ganz, ganz, ganz kleiner, der kleinste denkbare Teil dessen zu sein, was Uli Hoeneß aufgebaut hat. Einen Verein mit Weltruf, respektiert überall und mit den größten Titeln gekrönt, die es im Fußball gibt. Seinen Platz in der Geschichte dieses Vereins hat er sowas von sicher, unabhängig von aller Kritik, die ich für teilweise sehr berechtigt halte. Nicht nur, weil er unzählige Pokale nach München geholt hat. Sondern auch, weil dieser Verein mehr als viele andere Topvereine weltweit ein Verein mit einer Identität geblieben ist und hoffentlich auch bleiben wird.


    Kommen wir zurück zum Anfang dieses Textes: Ich hatte neulich nach vielen, vielen Jahren das Autogramm von Uli Hoeneß mal wieder in der Hand. 22 Jahre, nachdem er es geschrieben hat, erinnert es mich nicht nur an ihn, sondern scheint ein Sinnbild zu sein - es verblasst. Es ist aber nach wie vor erkennbar. Und obwohl ich an die kleine Begebenheit, die ich schilderte, fast gar nicht mehr denke, wurde mir, als ich das Autogramm aus dem Jahr 1997 herauskramte, eines klar: Missen möchte ich es nie!


    Danke, Uli Hoeneß!

    Reiner Weltverein, ma' sag'n!

  • Wirklich gut geschrieben! Ich persönlich beteilige mich derzeit nicht mehr an Danksagungen. Dafür ist meine Stimmungslage zu ihm einfach zu negativ und ich bereue heute noch meinen damaligen Text für ihn im Knast.


    Ich bin froh, wenn es denn wirklich mal vorbei ist - was wohl noch viel länger dauern wird, als mir lieb ist.


    Dennoch ist eines unumstößlich - der FC Bayern von heute ist das Lebenswerk von Uli Hoeness - und es ist ein verdammt großes! Ohne Zweifel!

    @Johannes Bachmayr - Dank und Hochachtung!
    #Uliout - Schließt Euch an!

  • :thumbup: Muss zugeben ich hatte leicht feuchte Augen beim Lesen.

    Ja, fast.

    Der Mann hätte sich einfach die letzten Jahre sparen sollen und alles wäre in Butter gewesen!!

    Seine Inhaftierung....geschenkt, jeder macht Fehler.

    Aber alles was danach kam war große Schai$$e.

    Ich befürchte, daß Hoeneß durch den nun folgenden Zuspruch in Folge seines Rüchzugs nochmal drebst in die Tasten haut und sein Denkmal weiter beschädigt.

    Man möchte ihm wünschen:

    Gehe in Ruhe und Frieden......


    Trotzdem danke für Alles, Mr. One Man Show!

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  • Wunderbarer Text, wo ich wirklich raten würde den auszudrucken und zu Uli zu schicken. Ich weiß dass er Post selbst liest und auch beantwortet. Jede Wette dass darauf ein Rückbrief käme!


    Ich weiß gar nicht was man noch ergänzen soll, ganz toll geschrieben.

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  • Vielen Dank DDuL. Ein Text sehr persönlich und doch können wir - wie ich glaube - alles sehr gut nachvollziehen, als ob man es selber auch so erlebt hätte. Natürlich nicht genau so, aber Du weisst was ich meine. Danke dir.

  • Sehr guter Text. Finde es schwer, sehr schwer. Ich bin seit 1977 dabei und sehe vieles sehr ähnlich. Allerdings macht mich alles ab 2017 sehr nachdenklich und kritisch.

    Kovac ist weg, Uli geht. Was ist mit Brazzo?

  • Wow. Bewegender Inhalt, wunderbar formuliert. Diesen Text hätte ich sehr gern letztes Jahr auf der JHV gehört - inkl. der dann erfolgten Reaktion.


    Danke denkerundlenker

    Wahr ist an einer Geschichte immer nur das, was der Zuhörer glaubt.

  • Für seine Zeit vor dem Knast bin ich ihm sehr dankbar, für seine Zeit nach dem Knast aber nicht. Man muss wissen wann Schluss ist, UH hat den Zeitpunkt verpasst.

    Es wäre heute nicht so, wie es ist, wäre es damals nicht gewesen, wie es war.

  • der Thread hat den falschen Titel. Mods, diesen bitte umbenennen . Danke

    "Wo man lacht, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen lachen immer wieder."

  • der Thread hat den falschen Titel. Mods, diesen bitte umbenennen . Danke


    Das ist schon der richtige Titel, denn das bayrische "Servus" hat den Vorteil, dass es zur Verabschiedung und zur Begrüßung gleichermaßen verwendet wird :)

    "Es zählt das, was bayernimherz sagt." (steveaustin10)

  • lieber Uli,

    Seit 40 Jahren begleite ich nun den FCB. Seit 40 Jahren habe ich ihm und Dir die Treue gehalten. Ich möchte Danke sagen

    für eine Zeit mit Höhen und Tiefen.

    Es bleibt nur noch Danke zu sagen den am Freitag endet eine Ära, die Ära Uli Hoeneß.

    Servus Uli ....

  • @mano_bonke:


    Zum anstehenden Abschied von Uli #Hoeness als Präsident des #FCBayern hat sich gegenüber der @tzmuenchen nun auch Paul #Breitner geäußert und sagte uns kurz vor der #FCBJHV:


    "Das Einzige, das ich zum Abschied von Uli Hoeness sagen möchte - unabhängig von allen persönlichen Unstimmigkeiten - ist: Er ist der einzige Fußballmacher, den ich auf die Stufe mit Santiago Bernabéu stelle. Das, was Uli Hoeness für den FCBayern geleistet hat, ist großartig - eben das, was auch (der langjährige Präsident) Santiago Bernabéu für Real Madrid vollbracht hat."

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  • Das hat Größe von Paul Breitner, Klasse. Ich hoffe die Beiden raufen sich irgendwann mal wieder zusammen, spätestens dann wenn ein UH tatsächlich losgelassen hat. Die Beiden haben so viel zusammen erlebt und durchstanden, da sollte doch eine Versöhnung drin sein, gerne auch ganz unmedial.

    „Let's Play A Game“

  • Lieber Uli!

    Danke für die vielen positiven Dinge, die du für den Verein, die Spieler, die Fans und auch für andere getan bzw. initiiert hast. Leider haben diese in den vergangenen Jahren einen unschönen Schatten bekommen.

    Ich gönne dir viel Ruhe in der Zukunft, fürchte aber, dass du dir diese selbst nicht gönnst.

    You can blow out a candle. But you can't blow out a fire.